Die Medikamentenpreise in Österreich sind zu hoch! Die Ausgaben für Arzneimittel laufen aus dem Ruder! Und am anderen Ende: Schon wieder Engpässe bei Arzneimitteln!
Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Sehr viel. Anstatt zu differenzieren, wird nämlich alles über einen Kamm geschoren. Das heißt im Klartext: Wir haben Arzneimittel, die der Basisversorgung dienen, die keinen Patentschutz mehr genießen und die unter starkem Konkurrenzdruck stehen. Deren Preise werden durch eingrenzende gesetzliche Vorgaben zudem konsequent nach unten gedrückt und damit niedrig gehalten. Das führt immer wieder zu Lieferschwierigkeiten und Engpässen. In diesem Segment laufen die Preise mitnichten aus dem Ruder, ganz im Gegenteil: Da ist die Decke erreicht, Schicht im Schacht, Ende Gelände.
Gleichzeitig gibt es den hoch innovativen Bereich, in dem Therapien vor allem, aber nicht nur, im Krankenhaussetting verabreicht werden. Bei diesen Produkten wird anders kalkuliert, weil sie innovativ sind und durch ein Patent geschützt werden. Aber auch hier laufen die Kosten nicht aus dem Ruder, denn es gibt auch hier gesetzliche Preisvorgaben, wenn die Sozialversicherung diese Produkte in ihrem Erstattungskodex listet. Beziehungsweise verhandeln die Krankenhausträger die Preise direkt mit den Herstellern.
Warum also das gebetsmühlenartige Aufschreien bezüglich zu hoher Ausgaben für Medikamente in unserem Land? Weil es ablenkt und eine vermeintlich einfache Lösung für ein hochkomplexes Thema ist, nämlich: Woher nehmen wir das Geld für eine immer älter werdende Bevölkerung, die logischerweise immer mehr Leistungen für ihre Erkrankungen in Anspruch nimmt? Denn unsere Lebenserwartung steigt und damit leider auch der Anteil jener Jahre, die wir nicht gesund verbringen.
Also führt man eine Melkkuh vor den Vorhang, die da heißt: Arzneimittel. Was diese Produkte leisten, bleibt dabei verborgen oder jedenfalls konsequent unerwähnt.
Wenn ein Medikament, das Schmerzen lindert oder den Blutdruck senkt und damit die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls oder Herzinfakts reduziert – wenn ein solches Medikament weniger kostet als ein Kaugummi, dann läuft etwas falsch. Und dann von zu hohen Preisen zu fabulieren, missdeutet die Realität.
Wenn ein Medikament zu schnellerer Genesung beiträgt oder das Leiden aufgrund einer Erkrankung lindert, dann können Betroffene wieder bzw. in vielen Fällen früher wieder arbeiten gehen als ohne Medikamente. Sie sind arbeitsfähig, benötigen keine Pflege und werden früher aus dem Krankenhaus entlassen oder müssen dort erst gar nicht aufgenommen werden. Welche Einsparungen werden dadurch erreicht? Was bringt das an „Return on Investment“? Das bleibt unbeziffert und unerwähnt.
Ja, die Ausgaben im Gesundheitswesen steigen und die Sozialversicherung ächzt unter den limitierten finanziellen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. Aber deshalb bei Medikamenten zu sparen und ihnen anzudichten, sie wären allesamt zu teuer, ist populistisch und schlichtweg falsch. Und ganz egal, ob es sich um Produkte in der Basisversorgung oder um innovative Therapien handelt: Den oben erwähnten Nutzen liefern sie in unterschiedlicher Ausprägung letztendlich alle, denn sonst bräuchten wir keine Medikamente.
Daher: Lassen wir diese Melkkuh bitte im Stall und torpedieren wir durch Einsparungen an falscher Stelle nicht die Genesung der Bevölkerung und die Medikamentenversorgung.